Carriger – Entflammte Nacht

Aus: Gail Carriger, Entflammte Nacht (Blanvalet, 2011), S. 30-33

Lord Conall Maccon war betrunken.

Und zwar nicht betrunken auf die halbherzige Art und Weise der meisten übernatürlichen Geschöpfe, wo zwölf Krüge Bier die Welt endlich ein wenig undeutlich werden ließen. Nein, Lord Maccon war sturzbesoffen, hackedicht und ohne jeden Zweifel sternhagelvoll wie eine Strandhaubitze.

Um einen Werwolf so betrunken zu machen war eine gewaltige Menge Alkohol nötig. Und, so sinnierte Professor Lyall, während er seinen Alpha um einen kleinen Gartenschuppen herummanövrierte, der ungünstigerweise im Weg stand, eine beinahe genauso übernatürliche Leistung, wie sie sich einzuverleiben, war es, solcher Mengen überhaupt habhaft zu werden. Mit welchen Tricks hatte Lord Maccon das nur geschafft? Und nicht nur das, wie hatte er es geschafft, sich besagten Alkohol so beständig während der letzten drei Tage zu besorgen, ohne nach London zu fahren oder den gut gefüllten Keller von Woolsey Castle anzuzapfen? Also wirklich, dachte der Beta verärgert, eine so gewaltige Trunksucht könnte man beinahe schon an sich für übernatürlich halten.

Schwerfällig torkelte Lord Maccon gegen den Schuppen und krachte hart mit der Schulter an die Wand aus schweren Eichenbrettern. Das ganze Gebäude schwankte in seinen Grundfesten.

»Versseihung«, entschuldigte sich der Earl mit einem kleinen Schluckauf. »Hab’ Sie da nich’ schtehen sehen.«

»Um Himmels Willen, Conall!«, rief sein Beta im Tonfall eines zutiefst Leidgeprüften. »Wie haben Sie es nur geschafft, so blau zu werden?« Mühsam zerrte er seinen Alpha von dem schwer mitgenommenen Schuppen fort.

»Nich’ betrunken«, behauptete seine Lordschaft, warf seinem Beta einen mächtigen Arm über die Schulter und stützte sich schwer auf ihn. »Bloß ‘n ganz klissekleines bissch’n beschickert.« Der Akzent seiner Lordschaft wurde jedes Mal merklich schottischer, wenn er unter großer Belastung, starken Emotionen oder, wie im Augenblick, unter dem Einfluss gewaltiger Mengen flüssiger Rauschmittel stand.

Sie kehrten der Sicherheit des Gartenschuppens den Rücken. Plötzlich kippte der Earl jäh nach vorn, und nur weil er den Arm um seinen Beta gelegt hatte, gelang es ihm, sich auf den Beinen zu halten. »Hoppla! Schön auf’n Boden da aufpassen, ja? Ganz schön hinterhältig, springt einem regelrecht ins Gesicht.«

»Woher hatten Sie den Alkohol?«, fragte Professor Lyall erneut, während er tapfer versuchte, seinen Alpha wieder auf Kurs zu bringen und über die breite Rasenfläche von Woolseys ausgedehnten Ländereien zum Herrenhaus zurückzumanövrieren. Es war, als versuche man ein Dampfschiff durch einen Bottich voll aufgewühlter Melasse zu steuern. Ein normaler Sterblicher wäre unter der Last in die Knie gegangen, doch Lyall hatte das Glück, in Zeiten großer Anstrengung auf übernatürliche Kraft zurückgreifen zu können. Lord Maccon war nicht einfach nur groß, er war auch außerordentlich massig, wie eine wandelnde römische Festung.

»Und wie sind Sie bis hier herausgekommen? Ich erinnere mich noch ganz genau, dass ich Sie gestern Abend ins Bett gesteckt habe, bevor ich Ihr Zimmer verließ.« Professor Lyall sprach sehr klar und deutlich, da er nicht ganz sicher war, wie viel davon in den begriffsstutzigen Schädel seines Alphas sickerte.

Lord Maccons Kopf schwankte leicht hin und her, während er versuchte, Professor Lyalls Worten zu folgen.

»Wollte ‘n kleinen nächtlichen Spaziergang machen. Brauchte Ruhe und Frieden. Brauchte Wind in meinem Fell. Brauchte Gras unter den Pfoten. Brauchte… Oh, ich kann’s nich’… – hicks – erklären… Brauchte die Gesellschaft von Igeln.«

»Und haben Sie’s gefunden?«

»Was gefunden? Keine Igel. Blöde Igel.« Lord Maccon stolperte über einen Seidelbaststrauch, einen von vielen, die den Weg zu einem Seiteneingang des Hauses säumten. »Wer hat das da hingestellt, verflixt noch mal?«

»Frieden, haben Sie Ruhe und Frieden gefunden?«

Lord Maccon blieb stehen, straffte sich und warf sich in die Brust, eine Haltung, die ihm durch den Militärdienst in Fleisch und Blut übergegangen war. Auf diese Weise überragte er seinen Beta wie ein Turm. Doch trotz des kerzengeraden Rückens brachte der Alpha es fertig, hin- und herzuschwanken, als kämpfe sich das bereits erwähnte Dampfboot in der Melasse durch einen heftigen Sturm.

»Sehe ich vielleicht…«, artikulierte er sehr sorgfältig, »… so aus, als habe ich Frieden gefunden?«

Darauf wusste Professor Lyall nichts zu erwidern.

»Genau!«, bekräftigte Lord Maccon mit einer weit ausladenden, rudernden Geste. »Sie steckt…«, er hielt sich zwei kräftige Finger an den Kopf, als wären sie der Lauf einer Pistole, »…hier drin.« Dann rammte er sie sich in die Brust. »Und hier. Werd’ sie einfach nich’ los. Klebriger als…« Seine Fähigkeit, passende Metaphern zu finden, ließ ihn im Stich. »Klebriger als… kalter Porridge, der ganz pappig an der Schüssel klebt«, brachte er schließlich triumphierend hervor.

Professor Lyall fragte sich, was Lady Alexia Maccon wohl dazu gesagt hätte, mit solch einer langweiligen Speise verglichen zu werden. Sie hätte ihren Ehemann vermutlich mit etwas noch weniger Schmackhaftem verglichen, zum Beispiel Haggis.

 

 

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